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Die Prüfung der eigenen Leistung in allen "normalen" Sportarten ist leicht durch die Messung einfacher physikalischer Größen wie beispielsweise Zeit und Entfernung möglich. Beispiele hierfür sind:
die Messung der für eine vorgegebene Wegstrecke benötigten Zeit, beispielsweise bei allen Lauf - Sportarten und (selten) die Messung der bei einer vorgegebenen Zeit zurückgelegten Wegstrecke, beispielsweise bei Fahrrad - Rundfahrten (6 - Tage - Rennen).
Eine Verminderung der benötigten Zeit bei einer vorgegebenen Wegstrecke bzw. eine Erhöhung der zurückgelegten Wegstrecke bei einer vorgegebenen Zeit sind sichere Anzeichen einer Leistungssteigerung.
Aber sind die physikalischen Größen Zeit und Entfernung tatsächlich die alleinigen Bewertungsgrößen für einen Leistungszuwachs? Im rein sportlichen Wettkampf muß diese Frage mit "ja" beantwortet werden. Aber welche Antwort gibt es außerhalb des Wettkampfes (für Freizeitsportler, Fitneßsportler, Gesundheitssportler,...)?
Was ist mit anderen, oft auch meßbaren Größen wie
- Pulsfrequenz? - Blutdruck? - Blutwerte? - Muskelkater danach? - technische Ausführung? - subjektives Empfinden? - Lebensgefühl?
Gerade die Feststellung "mir geht es nach dem Training gut, auch wenn ich nur der Zweite geworden bin (vielleicht auch nur der Letzte)" wird von der Mehrheit der Sportler mehr Bedeutung beigemessen als der Platz auf dem Treppchen (warum sonst laufen zigtausende beim Berlin - Marathon mit, wenn doch nur einer gewinnen kann?).
Neben den physikalischen Größen Zeit und Entfernung gibt es in vielen "normalen" Sportarten als Meßsystem einer Leistung eine Punkteskala. Beispiele hierfür sind:
- Turnen, - Eiskunstlauf, - Fußball.
Hier kommen die Bewertungen allein von außen (Haltungsnote, Eleganz, Ausdruck,...) oder ergeben sich aus Handlungen (Tore beim Fußball, KO beim Boxen). Letztere sind auch für den absolut Sportartfremden leicht zu erkennen und als Kriterium unbestritten. Trotzdem werden auch solche Kriterien oft relativiert (schönen Kampf geliefert..., technisch weit überlegen..., durch einen unglücklichen Zufall aber doch verloren).
Wenn die objektiv meßbaren Größen aber schon bei "normalen" Sportarten nicht die ausschließliche Bedeutung haben, d.h. die externe Kontrolle nicht der alleinige Bewertungsmaßstab für einen Leistungszuwachs ist, ist die Ehrlichkeit gegenüber sich selbst ein wichtiger und nicht zu vernachlässigender Parameter.
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Ein Beispiel: Ein sehr sportlicher 17-jähriger Jugendlicher ist aufgrund seiner körperlichen Fähigkeiten von sich sehr überzeugt und kommt selten zum Training. Sollte er einmal zum Training vorbeischauen, so bemüht er sich nicht. Bei einem Blick in seinen Mitgliedsausweis sieht er, daß schon wieder 3 Monate seit der letzten Prüfung vergangen sind: also nächste Prüfung abreißen.
Und dieser Jugendliche ist äußerst sauer auf die Prüferin oder den Prüfer, wenn dieser ihn durchfallen läßt, während ein 48-jähriger Senior mit leichtem Übergewicht, der dreimal wöchentlich trainiert, sich zu Hause mit dem SHOTOKAN KARATE - DO auseinandersetzt, aber MAWASHI-GERI nur CHUDAN treten kann (diesen aber mit guter Technik, Kime und vollem Willen), alle 8 Monate seine Prüfung besteht.
Die Bewertungskriterien für den MAWASHI-GERI des Jugendlichen dürfen zwar nicht identisch sein mit denen für den Senior, doch die Prinzipien des MAWASHI-GERI müssen von beiden Prüflingen gleichermaßen gezeigt werden.
D.h., gute körperliche Fähigkeiten können zwar sehr hilfreich sein, sind aber nicht die Essenz des SHOTOKAN KARATE - DO.
Bei einer Prüfung im SHOTOKAN KARATE - DO ist neben einer guten Technik, gekennzeichnet durch - eine korrekte Bewegungsausführung, - KIME, - ZANSHIN, mindestens genauso wichtig, einen individuellen Fortschritt unter Berücksichtigung von Alter, Geschlecht, sportlicher Vorbildung, Einstellung und dem eigenen Bemühen zu erkennen. Dies können aber selbst erfahrene Prüferinnen und Prüfer oftmals nicht, wenn der KARATEKA der Prüferin oder dem Prüfer völlig unbekannt ist, wie beispielsweise auf Lehrgängen. Eine Prüferin oder ein Prüfer, der den Prüfling nur anläßlich seiner Prüfung sieht, kann zwangsweise seinen individuellen Fortschritt überhaupt nicht beurteilen. Er kann nur die sportlichen Aspekte des SHOTOKAN KARATE - DO überprüfen, muß den Aspekt des DO aber unberücksichtigt lassen.
Im SHOTOKAN KARATE - DO hat man - anstelle von Klassen wie in der Schule - verschiedene Gruppen, die sich durch verschiedenfarbige Gürtel unterscheiden. Bei der Schule ist es jedem klar, daß die besten Lernerfolge nur dann erzielt werden können, wenn man seinem Alter und seiner Leistungsfähigkeit entsprechend einer Gruppe (hier Klasse) zugeordnet ist.
Dies hat sich auch beim SHOTOKAN KARATE - DO bewährt, d.h. entsprechend der eigenen Leistungsfähigkeit sollte der KARATEKA auch eine entsprechende Graduierung haben. Ein Training in einer Gruppe etwa gleicher Leistungsfähigkeit ist wichtig, um sowohl eine Unterforderung als auch eine Überforderung zu vermeiden.
Eine Prüfung im SHOTOKAN KARATE - DO bedeutet auch, sich im Vorfeld besonders intensiv mit dem SHOTOKAN KARATE - DO auseinander zu setzen. Dies bedeutet nicht, nur an zusätzlichen Trainingsterminen teilzunehmen. In erster Linie bedeutet dies, sich mit den eigenen Schwächen - über das übliche Maß hinaus - zu beschäftigen, um diese zu beseitigen bzw. mindestens deutlich zu reduzieren.
Eine bevorstehende Prüfung bietet dazu immer wieder den von außen notwendigen Reiz, der, gerade im Kinder- und/oder Anfängerbereich, noch nicht von "innen heraus" vorhanden ist.
Eine Prüfung im SHOTOKAN KARATE - DO bedeutet auch immer ein hohes Maß an Streß. Aber als KARATEKA - wo SHOTOKAN KARATE - DO ja auch eine Selbstverteidigungsfähigkeit ermöglichen soll - muß man diesen Streß aufnehmen, verarbeiten und bewältigen können.
Gerade durch das jahrelange Training des SHOTOKAN KARATE - DO soll der KARATEKA lernen, mit seinen Ängsten umzugehen, da Streß immer die Folge von Unsicherheit und Angst ist. In nicht alltäglichen Situationen, wie sie auch eine Prüfung darstellt, erwächst daraus Selbstsicherheit aber auch Bescheidenheit, da man seine eigenen Grenzen sehr genau kennt.
Eine bestandene Prüfung im SHOTOKAN KARATE - DO wird auch nach außen über eine neue Gürtelfarbe sichtbar gemacht.
Zur besonderen Motivation bei Anfängern wechselt die Gürtelfarbe nach den ersten Prüfungen jedesmal. Mit dem Fortschreiten auf dem Weg des SHOTOKAN KARATE - DO wird dann erst bei jeder zweiten Prüfung (blau), bei jeder dritten Prüfung (braun) oder überhaupt nicht mehr (schwarz) die Gürtelfarbe gewechselt, d.h. der Fortschritt wird nicht mehr nach außen deutlich gemacht. Er soll nach außen nur noch durch die verbesserte Technik aber auch durch die bessere Einstellung und die stärkere Ausstrahlung, die den KARATEKA umgibt, sichtbar werden, da der "innere" Fortschritt einen immer höheren Stellenwert einnimmt.
Eine bestandene Prüfung im SHOTOKAN KARATE - DO ist auch immer eine Auszeichnung für die erbrachte Leistung im Sinne eines individuellen Fortschrittes auf dem Wege zum Meister. Sie ist eine Bestätigung für den eingeschlagenen Weg und dafür, daß die bisherigen Bemühungen richtig waren. Und wer freut sich nicht, wenn er Anerkennung erhält?
Eine nicht bestandene Prüfung im SHOTOKAN KARATE - DO ist sicherlich nicht erfreulich aber auch kein Unglück. Aus den verschiedensten Gründen kann die Prüferin oder der Prüfer der Meinung gewesen sein, daß das Gezeigte nicht mit den Anforderungen übereingestimmt hat, die für den neuen KYU- oder DANgrad bestehen.
Dies kann und muß Motivation sein, auf dem Weg des SHOTOKAN KARATE - DO fortzugehen, doch sind offensichtlich Änderungen am Weg notwendig. Vielleicht muß die Trainingshäufigkeit überdacht werden oder die Trainingsintensität, vielleicht aber auch die eigene Auseinandersetzung mit dem SHOTOKAN KARATE - DO.
Ganz besonders wichtig ist es, die Schuld für die nicht bestandene Prüfung nicht bei anderen, sondern ausschließlich bei sich selbst zu suchen: - habe ich nicht ausreichend trainiert? - habe ich mich zu früh zur Prüfung angemeldet? - war ich mental nicht optimal vorbereitet? usw.
Die Entwicklung vom Schüler zum Meister ist natürlich auch ohne Prüfungsordnung und ohne das Ablegen von Prüfungen möglich. Dies setzt aber über mehrere Jahre hinweg die gleiche Trainerin oder den gleichen Trainer voraus. Dann kann man, auch ohne eine spezielle Prüfung - besser gesagt: mit einer täglichen Prüfung im normalen Training - auch eines Tages von der Trainerin oder dem Trainer (Meister/in) den 1. DAN verliehen bekommen.
In diesem Fall wäre aber einerseits eine Vergleichbarkeit zwischen den Schülern verschiedener Trainerinnen oder Trainer (Meister/innen) nicht mehr möglich, andererseits wäre auch der Verband einer seiner Haupteinnahmequellen verlustig gegangen.
Bei einer intakten Schüler - Meister - Beziehung entstehen die oben angerissenen Probleme überhaupt nicht. Die Trainerin oder der Trainer (Meister/in) ist auch die Prüferin oder der Prüfer und ob die Prüfung im (täglichen) Training geschieht oder zu besonders angesetzten Terminen (wie vom Verband vorgeschrieben), ist eigentlich egal. Der Schüler bekommt schon im Training die Hinweise von seiner Trainerin oder seinem Trainer (Meister/in), wo seine Schwächen, aber auch wo seine Stärken, liegen.
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